2018-09-11: Studienergebnisse: Bereitstellung von Harm-reduction-Materialien über Automaten für Drogenkonsument*innen in NRW

Spritzenautomat am Ebertplatz in KölnSpritzenautomaten sind in Nordrhein-Westfalen eine etablierte und anerkannte Maßnahme der Schadensminimierung sowie der HIV- und Hepatitis-Prävention. Seit 1989 existiert das Spritzenautomatenprojekt NRW, derzeit werden über 100 Automaten von über 60 Einrichtungen der Aidshilfe, Drogen-/Suchthilfe und Drogenselbsthilfe betrieben. Nun wurde erstmal eine wissenschaftliche Evaluation (PDF) des Automatenprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Daniel Deimel (Katholische Hochschule NRW) in Kooperation mit der Aidshilfe NRW (Brigitte Bersch) sowie dem Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW in Auftrag gegeben. Ausgewertet wurden die Ergebnisse einer systematischen Literaturrecherche, eine Befragung der Betreiber und Nutzer*innen sowie von der Aidshilfe NRW zur Verfügung gestellte Informationen zum Projekt und Daten zu Standorten und Abgabezahlen.

An der Betreiberumfrage teilgenommen haben 36 Träger und Einrichtungen, die über insgesamt 72 Automaten (65 Prozent aller Spritzenautomaten in NRW) verfügen. Befragt wurden die Einrichtungen u.a. zur Betriebsdauer, die Versorgungssituation und die Automatennutzer*innen, die angebotenen Materialien und offene Bedarfe, den Betrieb und die Wartung, sowie potenzielle Probleme und Konflikte bei Beantragung und Genehmigung im Kontakt mit Behörden und der Öffentlichkeit. Die Nutzer*innen-Bbefragung über einen Online-Fragebogen läuft derzeit noch und wird Erfahrungen und Wünsche der User*innen beitragen.

Zu den Schlussfolgerungen und Empfehlungen:

Das Spritzenautomatenprojekt in NRW ist ein etabliertes und gut funktionierendes Element in der Versorgung von intravenös Drogengebrauchenden [IVD] mit Harm-Reduction-Materialien. Über diesen Weg wird ein niedrigschwelliges Angebot vorgehalten, dass einen jederzeitigen und anonymen Zugang zu sterilen Konsumutensilien ermöglicht und einen ersten oder ergänzenden Kontakt zum Suchthilfesystem darstellt. Automaten stellen eine sehr gute Ergänzung des bestehenden Versorgungssystems mit Harm-Reduction-Materialien für Drogengebrauchende dar. Sie ersetzt bestehende Angebote jedoch nicht! In einigen Regionen stellen die Automaten allerdings die alleinige niedrigschwellige Versorgung mit Harm-Reduction-Materialien dar.

Der flächendeckende Ausbau des Spritzenautomaten-Projektes ist, insbesondere im ländlichen Raum, erforderlich. Hierzu ist eine dezidierte Bedarfsplanung notwendig. Der Zugang zu sterilen Harm-Reduction-Materialien in Haft muss dringend ermöglicht werden, da inhaftierte IVD eine hochgefährdete Personengruppe für HCV- und HIV-Infektionen sind. Internationale Standards sehen einen Zugang zu sterilen Spritzen, Nadeln und Kondomen für inhaftierte Personen vor. Darüber hinaus könnten Spritzenautomaten zukünftig gezielt als weiteres Kommunikationsmedium dienen, IVD mit Harm-Reduction-Botschaften zu erreichen. Hierzu sollten (mehrsprachige) Informationen zu Safer-Use-Verhaltensweisen als Beipackzettel den Konsummaterialien beigefügt werden.

Die Beantragung und der Betrieb der Automaten sind mit einem signifikanten Mehraufwand für die Einrichtungen der lokalen Sucht- und Aidshilfe verbunden. Um das Projekt zu verstetigen und den Betrieb dauerhaft sicher zu stellen, ist eine Kostenbeteiligung der Personalkosten durch die Kommune oder das Land notwendig. Über eine Kostenbeteiligung der Personalkosten könnten Anreize geschaffen werden, die weitere Organisationen vor Ort zu einer Beteiligung an dem Projekt ermutigen.

Es sollte überlegt werden, wie der Zugang zu spezifischen Konsumentengruppen (geflüchtete Drogenkonsumierende, drogenkonsumierende MSM etc.) via Spritzenautomat realisiert werden kann. Insbesondere für drogenkonsumierende MSM [Männer, die Sex mit Männern haben] wäre der Zugang zu Spritzenautomaten in szenenahen Orten (Clubs, Saunen etc.) sinnvoll.

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